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Musiker*innen im Interview: Waldtraene

Musiker*innen im Interview: Waldtraene

der Kessel #1: Naturverehrung

  • Waldtraene
    lesbar: Lesezeit: 10 Min.

    Waldtraene, das ist heidnische Liederkunst aus dem Harz. Künstler*innen wie „Carved in Stone“, Forseti und Wardruna haben sie inspiriert und seit 2009 erzählen sie in ihren Liedern von längst vergangenen Zeit und unsterblichen Helden. Tief depressive Bäume finden man allerdings nicht.

    Erzählt Eure Geschichte:

    „Es singen und spielen Horda (Alexander Wolf) Gitarre, Cister und Gesang, Knoepfchen (Babett Karkowsky), Flöte und Gesang.
    Wir beide stammen aus Thüringen. Horda aus Erfurt, Knoepfchen aus Niedersachswerfen.
    Kennengelernt haben wir uns über die Berufsausbildung. Intensiviert wurde der Kontakt auf Hordas Geburtstagsfeier mit Hilfe einer Schokoladentorte, die direkt aus Knoepfchens Händen den Weg in Hordas Gesicht fand.
    Zur Musik kamen wir auf unterschiedlichen Wegen. Horda war sich früh sicher, dass er Gitarre spielen wollte. Schon mit 14 Jahren gründet er seine erste Band. Sein Interesse an nordischer Mythologie veranlasste ihn, entsprechende Texte zu verfassen.
    Knoepfchen fand durch ihre Großeltern zur Musik. Ihr Großvater beherrschte unterschiedliche Instrumente und unterstützte sie, wo es nur ging.
    Unsere gemeinsame musikalische Reise begann im Jahr 2009. 2010 haben wir eine Demo-CD mit Stücken von Horda eingespielt. Daraus entstand Waldtraene. Seitdem spielen wir auf Mittelalter-Märkten, Pagan-Metal-Konzerten und Privatveranstaltungen.
    Von Balladen mit reinem Frauengesang haben wir uns zu zweistimmig gesetzten und instrumentierten Liedern entwickelt. Wir sind jetzt schon seit sechs Jahren musikalisch und menschlich eine Einheit.

    Lebt Ihr eine pagane Lebensphilosophie?

    Knoepfchen: „Ja, wobei es unterschiedliche sind. Wir gehören weder einem Verein noch einer Gemeinschaft an, sondern pflegen unsere ureigenen Lebens- und Glaubensweisen.“

    Wenn ja, welche?

    Knoepfchen: „Ich glaube an karmische Verbindungen, die sich in der Wiedergeburt manifestieren. Daraus resultiert eine Lebensphilosophie mit Einfluss auf die eigenen Verhaltensweisen, da man in der Reinkarnation die Folgen des Vorlebens erfährt.
    Für mich wurzelt alles in der Natur, im Werden und Vergehen, dem jeder Organismus angehört. Ich empfinde die Götter, die für mich ganz klar existieren, als Attribute der Natur: ihre Launen, ihr gesamtes Erscheinungsbild, Schönheit, Kraft, Energie, sogenannte Katastrophen. Leben geben, Leben nehmen.
    Ich bin davon überzeugt, dass das Schicksal nach Aktion und Reaktion „strickt“ und dass sich mein Sein in diesem Leben auf mein nächstes Leben auswirkt. Erfahrungen in diesem Leben werden nicht einfach vergessen, sondern sind ein Teil des Reifeprozesses der Seele.
    Eine entsprechende Verhaltensweise im jetzigen Leben zahlt sich also im reinkarnierten Leben aus und beeinflusst dessen Form und Geschehen. Dabei ist die Wiedergeburt nicht auf menschliches Leben reduziert, sondern entspricht dem, was die Seele gerade braucht.
    Seelen sind durchaus unterschiedlich alt; es gibt „erfahrene“ Seelen und
    unbeschriebene Blätter. Dies wird besonders daran deutlich, dass man Dinge in sich fühlt, von denen man nicht weiß woher sie kommen.“

    Horda: „Ich bin ein freier Asen- und Wanentreuer und besonders am Wotanismus interessiert. Für mich ist Wotan kein flügelbehelmter Thronsitzer, sondern der rauhe Ursprung, der Wanderer, der Suchende. Das Zentrum aller Götter, alles vereinend.
    Mein Asatru-Sein ist geprägt von persönlicher Freiheit. Ich halte nichts von „Glaubensauthentikern“ im Sinne von „nur so und nicht anders“ und lehne Vereins-Regularien für mich ab.
    Gemeinsam mit Knoepfchen lebe ich in einer frei gewählten Sippe und bin deren Ritualleiter. Auch ich glaube an die Wendungen des Schicksals, die karmische Wiedergeburt. Jedes Wesen ist Lehrer und Lernender zugleich.
    In meiner Philosophie ist der Heimatboden die zentrale Energiequelle der unterschiedlichen Kulturen für Körper und Geist. Ich möchte aber betonen, dass das nichts mit Deutschtümelei zu tun hat. Vielmehr sehe ich hier die ursprüngliche nordische Seele in Land, Mensch und Tier.“

    Ist Wotan hier auch der Wissen-Suchende?

    Horda: „Besonders die Runen betrachte ich als Wissensquell. Ich habe großen Respekt vor deren Kraft und begegne ihnen mit Achtung. Für alles was die Runen geben, muss man auch Entsprechendes leisten. Man kann nicht nehmen, ohne etwas dafür zu geben.“

    Wie lebt Ihr Euren Glauben?

    Horda: „Wir feiern die Jahreskreisfeste und bewegen uns besonders gerne in der Natur, den Wäldern des Harzes und Thüringens. Götter und Geister werden nicht angebetet oder gebeten. In den Ritualen wird geschenkt, nicht geopfert. Es geht um das Geradestehen vor den Göttern, ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“
    Knoepfchen: „Wir hatten ein Erlebnis an einer abgelegenen Stelle im Wald, die wir sauber halten. Irgendwann lag ein Tierschädel wie aufgebahrt auf dem Moos für uns bereit.“

    Was bewegt Euch besonders?

    Knoepfchen: „Uns begegnen immer wieder ganz unterschiedliche Menschen.“
    Horda: „Die Waldtraenen nehmen sich gerne ausführlich Zeit, um mit den Menschen vor der Bühne zu sprechen. So lernen wir die verschiedensten Personen kennen. Da kommen Menschen, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten. Beispielsweise stehen Angehörige gesellschaftlicher Randgruppen mit Juristen Arm in Arm und singen lautstark im Chor. Unabhängig von ihren Ansichten oder Einstellungen. Rechts, links, arm oder reich - für den Moment während unseres Konzertes scheint das alles vergessen! Das gibt Hoffnung in einer Zeit, in der der negative Einfluss einer Art geistiger Spaltung zur Tagesordnung gehört. Wir heben den gesellschaftlichen Zwiespalt während unserer Konzerte emotional auf, denn uns stört vor allem die negative Energie der Uneinigkeit.“

    Was verpackt Ihr in Euren Texten?

    „Die Texte transportieren unsere persönlichen Botschaft, dass Gemeinschaftlichkeit, unabhängig von der jeweiligen Einstellung und Position, gewinnbringender ist als Spaltung.
    Wir möchten eine positive Einstellung und Lebenshaltung transportieren. Die klassisch negativ besetzten heidnischen Themen werden ganz bewusst ausgeklammert.
    Es geht bei uns aber auch um Themen wie historische Begebenheiten, Sagen und Mythen, Bräuche und Volksglauben, Spiritualität, Zusammenhalt - Inspiration für den Hörer, in jeglicher Hinsicht.“

    Was ist Euer liebstes Lied in Eurem Repertoire?

    „Lieblingslieder können wir gar nicht nennen. Die „alten Sachen“ laufen wie von selbst, man fühlt sich wohl. Und der Reiz am neuen Lied bringt Spannung, Würze und auch das klassische „Aufgeregt-Sein“ ins musikalische Bühnenleben.
    Gerade jetzt in der Vorbereitung zur neuen (vierten) CD macht sich das bemerkbar. Im Rahmen eines Auftritts mit einer Pagan-Metal-Band aus Thüringen haben wir einen Teil unserer neuen Stücke zum ersten Mal aufgeführt. Das war belebend!“

    Wie vertragen sich Pagan Metal und die eher folkloristische Musik der Waldtraenen miteinander?

    Horda: „Da gibt es überhaupt keine Probleme, denn viele aus der Pagan Metal Szene hören unsere Musik und sind ganz begeistert.“

    Wer hat Euch musikalisch inspiriert?

    Horda: „Ohne ein bestimmtes Musikprojekt würde es Waldtraene in dieser Form wahrscheinlich gar nicht geben. Dieses Projekt hieß „Carved in Stone“ und war für mich der Beweis, dass man auch allein gute Musik machen kann. Davon inspiriert entstanden in meiner Jugend die ersten Texte, die später von Waldtraene wieder aufgegriffen wurden. Mittlerweile texten wir beide.“

    Was ist/sind Eure Lieblingsgruppe(n)/Musiker(innen)?

    „Wenn wir von Lieblingsgruppen sprechen, muss uns fast alles von der jeweiligen Band gefallen, z.B. von Falkenstein und Forseti, ansonsten sind wir privat im Pagan- und Black-Metal unterwegs, mögen Odroerir aus Thüringen, XIV Dark Centuries, und viele andere mehr.“

    Woher kommt Euer Bandname?

    Knoepfchen: „Schöne Frage; erst kürzlich stand ein Mensch vor uns, der sich über den Namen lustig machte. Nein, es geht nicht um tief depressive Bäume! Wir kommen aus dem Harz; hier muss man schon ein gewisses Maß an Naturverbundenheit mitbringen. In den Wäldern gibt es noch den ein oder anderen stolzen alten Baum, der nicht nur reich an Ringen, sondern auch reich an Geschichten ist, trotz mehrmaliger Komplettrodung. Seine Wurzeln reichen tief und in ihm fließt sein innerstes, uraltes Wissen, welches manchmal als Harz, als Blut der Bäume, als Träne austritt. Die Tränen des Waldes eben. Wir mögen es, dass unser Bandname zum Nachdenken anregt.“

    Wo tretet Ihr am liebsten auf?

    „Mittlerweile ehrlich gesagt auf Bühnen. Das liegt daran, dass die Menschen auf der Straße heute kaum noch Zeit haben, wirklich zuzuhören. Man ist versucht, immer lauter zu singen und verliert dabei das Gefühl für die Bedeutung der Worte. Was Orte und Gegebenheiten angeht, darf es gern abwechslungsreich sein. Das war im letzten Jahr sehr ausgewogen, es dürfen aber noch ein paar Festivals hinzukommen. Unser Lieblingsclub ist das „From Hell“ in Erfurt.“

    Was war musikalisch euer tiefgreifendstes Erlebnis?

    „Waldtraene haben auch schon als Vorgruppe von Faun gespielt. Aber auch andere Konzerte waren etwas ganz Besonderes. Einmal spielten wir auf einem Mittelaltermarkt in der Dämmerung am Feuer das Stück „Gesang des ewig Alten“, als ein gewaltiges Gewitter hereinbrach. Am eindrucksvollsten war unsere Releasefeier des Albums „Heidenblut“ im Opfermoor in Niederdorla. Eigentlich klappte nichts so wie es sollte, obendrein gab es Wetterwarnungen für den Abend. Trotzdem wagten sich gut 100 Gäste zu unserem Konzert. Es schüttete wie aus Eimern, um den Ort herum gingen schwere Gewitter und Stürme nieder. Zu unserer Musik war das ein perfektes Bühnenbild, inklusive super Stimmung.“

    Laufen außer der aktuellen Gruppe noch andre Musikprojekte?

    Knoepfchen: „Ich plane, eine CD für Kinder herauszubringen, thematisch reich an Mythologie und Sagen, wahrscheinlich jedoch nicht unter dem Namen Waldtraene.“

    Mit wem möchtet Ihr unbedingt mal auftreten?

    „Da gibt es unterschiedliche Bands, jedoch ist das nicht abhängig von deren Musik, sondern von den Persönlichkeiten, die dahinterstecken.“

    Wann erscheint die nächste CD? Und wie heißt sie?

    „Die nächste CD befindet sich schon in Arbeit, jedoch können wir noch kein Erscheinungsdatum nennen. Das Album wird “Es wussten einst die Alten II – Unter Wolfes Banner“ heißen.“

    In 2014 hatten Waldtraene ein Konzert in sehr privatem Rahmen versteigert, werdet Ihr nochmal einen Auftritt versteigern?

    „Ja bestimmt, wahrscheinlich nächstes Jahr“

    Vielen Dank für das Interview.

    Links

    Hörprobe: Bragis Skaldensang live am 14.05.2015 in Bornstedt

    Band-Homepage

     

     

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    Letzte Änderung: 19. Feb 16
    Ydalir Ullrsson

    Martin Hallerbach MSc alias Ydalir Ullrsson (im allgemeinen einfach Ydalir) hat die Ausbildung zum Geistheiler bei Jürgen Bongardt im Institut für spirituelle Heilkunst in Rheinbach durchlaufen.
    Seine große Liebe zur Natur, das Verständnis von der Verbundenheit mit ihr und allen Wesen, sowie seine spezielle Form der Spiritualität fließen in Ydalirs Seminare und persönlichen Begleitungen mit ein.
    Seit 2002 erforscht er die Runen, 2003 entdeckte er das Bogenschießen für sich. Es bedeutet Meditation, Selbstversenkung und körperliche, sowie seelische Entspannung für ihn.
    Anfang 2015 gründete Ydalir Das Seminarzentrum Terra Silva aus dem Gedanken heraus, hier einen Ort zu schaffen, an dem Menschen sich begegnen können. Um hier Neues zu lernen, sich austauschen oder einfach nur die Seele baumeln lassen.
    Sein Beruf als Technischer Redakteur bringt ihn auch der journalistischen Arbeit nahe.

    Webseite: https://www.facebook.com/ydalir.ullrsson

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