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Kolumne: Berühmte letzte Worte – wachse

Kolumne: Berühmte letzte Worte – wachse

der Kessel #3: Dornen

  • JamesVermont
    lesbar: Lesezeit: 2 Min.

    In keiner anderen Jahreszeit liegen Süße und Schmerz näher beisammen als im Spätsommer. Die Erinnerungen an das Schnitterfest, an dem man seinem geliebten Menschen die Hand reicht – oder sie ihm entzieht – sind noch frisch. Zu keinem Zeitpunkt kann der reflektierte Mensch besser überschauen, was zurück bleibt und was seinen Weg in die Zukunft findet.

    Der Frühling ist der erste Flirt. Der Sommer ist das Bett im Kornfeld. Der Herbst ist die Heirat und der Winter, tja, der ist die Einsamkeit. Nun gibt es eben auch Stadien zwischen den vier großen Jahreszeiten und in einem dieser Übergänge befinden wir uns gerade: Die Zeit des späten Augusts und des frühen Septembers. In keiner anderen Jahreszeit liegen Süße und Schmerz näher beisammen als im Spätsommer. Es ist noch kein wehmütiger Abschied in den Winter wie im Herbst und die Erinnerungen an das Schnitterfest, an dem man seinem geliebten Menschen die Hand reicht – oder sie ihm entzieht – sind noch frisch. Voller Freude macht man sich auf den Weg durch die Brombeersträucher, um sich an den Toren der dunklen Jahreszeit wieder zu treffen. Entweder als Paar, oder als buchstäblich „geschiedene Leute“. Die Zeit zeigt, was reif ist.

    Meine Beziehungen waren stets chaotisch und von absoluter Ahnungslosigkeit geprägt. Ich wusste, wann ich jemanden gern habe und wann ich ihn vermisse. Wo für mich die Liebe bereits anfängt und was sie wirklich ist, brachten mir erst meine Kinder bei. Was sich davor in meiner amourösen Anziehungskraft verfing, blieb für mich stets ein Rätsel und um dieses zu lösen, nahm ich mir keine Zeit. Wenn dann endlich Klartext gesprochen wurde, war es meistens zu spät. Die Grenzen, die eine Beziehung absteckt, waren für mich immer relativ. Es gibt Menschen aus vergangenen Beziehungen, die ich noch heute liebe. Was die beiden Menschen, die wir damals waren, von heute trennt, sind die verschiedenen Lebenswege und die Entscheidungen, die getroffen wurden. Manche der Entscheidungen schmerzen – und sie schmerzen wie ein nie enden wollendes Schnitterfest quer durch die Zeit. Wie konnte ich nur so blöd sein!? Damals. Andere Begebenheiten sind mir enorm peinlich, à la: Das habe ich nicht wirklich gesagt!? Doch, hast du.
    Aber auf den einzelnen Lebenspfaden war jede Entscheidung in dem Moment, in dem ich sie getroffen habe, richtig. Freilich sehe ich das heute oft anders. Man möchte es kaum glauben, aber ich werde klüger. Leider werden die Herausforderungen, die es zu meistern gilt, auch größer: Kinder.

    Was ich aber immer getan habe und bis heute tue ist, mich auf Menschen einzulassen und die Gefühle zu ergründen. Ab und an komme ich dabei noch ins Straucheln, weil der wunderbare Kosmos, den ein Mensch darstellt, mich überfordert. Doch wenigstens werfen mich die Eindrücke nicht so heftig umher wie in meiner Sturm-und-Drang-Phase. Verbindlich zu sein, ist vielleicht ein dorniger Weg – aber es ist für mich der einzig lohnenswerte. Zu lieben und sich mit dem Kosmos Mensch zu verbinden, ist oft schmerzhaft – aber das Einzige, das mich als Seele wachsen lässt. Jahr um Jahr.

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    Letzte Änderung: 27. Sep 16
    JamesVermont

    JamesVermont lebt mit seiner Familie in Ebenthal in Kärnten in der Nähe von Klagenfurt Wörthersee. Er wurde im April des Jahres 1981 geboren, arbeitete 17 Jahre bei einem Mobilitätsunternehmen und begann ab 2002 sich für die spirituell-magische Gemeinschaft zu engagieren, indem er Events Organisierte. Seit Mai 2015 arbeitet er aktiv an der Zeitschrift "der Kessel", dessen Herausgeber er nun ist.

    Webseite: www.jamesvermont.at/

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