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Die dunkle Seite des Druidentums

Die dunkle Seite des Druidentums

der Kessel - Extrablatt

  • Natalia Drepina
    lesbar: Lesezeit: 7 Min.

    Sind die Druiden von heute wirklich so freundlich und strahlend wie man es sich wünscht? Ihre Vorbilder von damals fochten wilde Schlachten auf Leben und Tod. Heute stehen die Druiden für Umweltschutz und Kunst. John Beckett wirft einen Blick auf die dunkle Seite Druidentums.

    Wenn man einen modernen Druiden fragt, was Druidry sei, bekommt man wahrscheinlich eine Antwort voller heller, positiver Bilder. Ich mag den Satz: „Druidry ist die Kunst wilder Weisheit.“ Ich gebe auch gerne eine dreiteilige Antwort (Druiden lieben Dreiteiligkeit): Ein Druide ist ein Geschichtenerzähler und ein Hüter des Wissens, ein Seher und Hüter der Weisheit, und ein Priester der Natur und ihrer Götter.“

    Weil wir über die alten Druiden so wenig wissen, waren sie seit langem ein unbeschriebenes Blatt, auf das Menschen jene Eigenschaften projizieren konnten, die sie für wünschenswert hielten. Das Revival des Druidentums begann etwa zur gleichen Zeit wie der Versuch, die keltische Kultur zu bewahren und zu fördern und der Exzesse der Industriellen Revolution, die Menschen dazu brachten, romantische Gedanken über die Natur zu hegen. Es ist daher kaum überraschend, dass Druidry mit keltischer Kultur und mit der Natur assoziiert wird.

    Druiden sind Dichter, Liedermacher und Geschichtenerzähler. Druiden pflanzen Gärten und protestieren gegen Fracking. Nicht der Lorax, sondern Druiden sprechen für die Bäume.

    Wenn jemand die hässlicheren Dinge anspricht, die man mit Druiden in Verbindung gebracht hat, werfen wir ihnen vor, Julius Caesars Propaganda gelesen zu haben. Und wer weiß – sie könnten Recht haben. Die Beweise, dass Druiden Menschenopfer dargebracht haben, sind nicht schlüssig, und selbst wenn sie das getan hätten, bleiben sie immer noch hinter der Grausamkeit und Brutalität der Römer zurück.

    Wir wollen, dass unsere Druiden hell und friedlich und nett sind... etwas, das unsere christlichen und atheistischen Nachbarn nicht erschreckt.

    Aber es gibt Zeiten, da können wir nicht nett sein. Wie können wir nett sein im Angesicht der Vernichtung der Umwelt? Wie können wir nett sein im Angesicht von Unrecht und Machtmissbrauch? Wie können wir nett sein im Angesicht von Unterdrückung? Wie können wir nett sein im Angesicht krimineller Bedrohungen? Vernünftig? Absolut. Mitfühlend? Sicherlich. Nett und hell? Nicht immer.

    Vor der Schlacht von Magh Tuireadh wurde Figol, der Druide, gefragt, was er tun werde. Er sagte:
    „Ich werde dreimal Feuer in die Gesichter des Heeres der Fomori regnen lassen, und ich werde ihnen zwei Drittel ihres Mutes und ihrer Kraft nehmen, und ich werde Krankheit in ihre Körper bringen, und in die Körper ihrer Pferde. Für die Männer Irlands aber wird jeder Atemzug eine Stärkung ihrer Kraft und ihres Mutes sein; und seien sie auch sieben Jahre in der Schlacht, sollen sie doch niemals ermüden.“

    Lest die Geschichten unserer keltischen Ahnen. Wenn es nötig war zu kämpfen, wurden sie von großen Kriegern angeführt, von Männern und Frauen, geübt im Kampf und im Umgang mit Waffen, die ein großes Maß an Kraft und Ausdauer besaßen, und vor allem auch die Entschlossenheit, erfolgreich zu sein. Es ist sehr passend, dass Lady Gregory ihrer Übersetzung den Titel „Götter und kämpfende Männer (Gods and Fighting Men)“ gab.

    Aber wo immer man Kelten in der Schlacht findet, findet man gemeinhin auch Druiden. Nicht als schwertschwingende Kämpfer, sondern als magische und inspirierende Unterstützung. Figol läßt Feuer auf die Fomori regnen, stiehlt ihre Kraft und schwächt sowohl die feindlichen Kämpfer als auch ihre Pferde, und er segnet seine eigenen Kämpfer.

    In anderen Geschichten lesen wir von Druiden, die Zaubersprüche singen, Nebel herbeirufen und Freunde wie Feinde in verschiedene Tiere verwandeln. Sie wirken Zauber des Vergessens und der Schwäche, und manchmal auch Zauber des Todes.

    In einer der wenigen historischen Quellen, die wir von ihnen haben, erscheinen Druiden, um ihre Kämpfer zu unterstützen. Tacitus schreibt über das römische Massaker auf Anglesey im Jahre 61 unserer Zeitrechnung:
    „Am Strand stand die feindliche Schlachtreihe, eine dichte Masse von Waffen und Männern, durch deren Reihen Frauen wanderten. In der Weise der Furien, in Roben von tödlicher Schwärze und mit wirren Haaren schwenkten sie ihre Fackeln; währenddessen erhob ein Kreis von Druiden seine Hände gen Himmel und ergoss sich in Verwünschungen, die die Truppen mit solcher Scheu ob des außergewöhnlichen Spektakels erfüllten, dass sie ihre Körper bewegungslos der Verwundung aussetzten, als ob ihre Gliedmaßen gelähmt wären.“

    Am Ende verloren die Druiden diese Schlacht. Magie hat ihre Grenzen. Aber diese Erzählung zeigt uns, dass Figols dunkle Seite des Druidentums – war sie nun historisch oder gar mythisch – keinesfalls fiktiv war. Unsere druidischen Vorgänger kämpften für ihren Stamm und ihre Heimat auf die Art, die sie am besten beherrschten.

    Aber was bedeutet das für uns hier und jetzt?

    In unserer Mehrzahl stehen wir westlichen Menschen nicht der Art Gefahren gegenüber wie unsere Vorfahren in der Eisenzeit. Die Bedrohungen sind (meistens) subtiler, was es aber umso schwerer macht, sie zu erkennen und uns damit auseinanderzusetzen. Aber glaubt nicht, dass diese Bedrohungen weniger real sind als römische oder fomorische Armeen:
    Der Klimawechsel, der Raubbau an Ressourcen, die Herrschaft des Geldes, das Patriarchat, die Militarisierung der Polizei, Terroristen und solche, die den Terrorismus zu ihrem eigenen politischen Vorteil nutzen... nicht zu erwähnen, das eine oder andere Individuum, das uns aus niederen Beweggründen oder ganz und gar grundlos Schaden zufügen würde ...

    Wie gehen wir mit diesen Bedrohungen um? Manche fühlen den Ruf, sich zu radikalisieren oder Aktivisten zu werden. Ich bewundere deren Arbeit, aber es ist nichts, was ich tun könnte, genauso wenig wie ich in vorderster Reihe einen Speer gegen die Legionen tragen könnte (womit ich sagen möchte, es wäre möglich, aber nicht effektiv und würde sicher nicht gut ausgehen).

    Aber ich kann das tun, was die alten Druiden taten. Ich kann die unterstützen, die die Schlachten kämpfen. Und zwar körperlich, spirituell, emotional und finanziell. Ich kann eine naturliebende Präsenz sein in einer die Natur ausbeutenden Welt. Ich kann Bewusstsein schärfen, aber das wird als Taktik gerne überbewertet (oder zumindest über-verwendet). Sich gute Gedanken zu machen ist nett, aber es hilft nur, wenn daraus gute Taten werden. Die Arbeit des Barden kann gutgesinnten Menschen helfen aufzuwachen und etwas zu tun.

    Ich kann kein Feuer auf meine Feinde regnen lassen, aber wenn ihr denkt das Magie unnütz ist, dann habt ihr eine der wichtigsten Nachrichten auf meinem Blog nicht aufmerksam genug gelesen.

    Unsere Freunde, die Hexen haben ein Sprichwort: “Eine Hexe, die nicht verfluchen kann, kann nicht heilen." Victor Anderson, Mitbegründer der Feri Tradition, sagte “Weiße Magie ist Poesie. Dunkle Magie ist alles, was wirklich funktioniert.”

    Es gibt eine dunkle Seite der Druidry, bei der es nicht um das Umarmen von Bäumen und Erzählen irischer Geschichten geht. Eine Seite, die viele der heutigen Druiden in ihrer alltäglichen Praxis lieber ignorieren und die sie gegenüber Nichtheiden aktiv verleugnen. Die dunkle Seite des Druidentums macht Angst und kann gefährlich sein, und sie bringt mehr Verantwortung mit sich als viele von uns übernehmen möchten.

    Aber sie ist ebenso Teil unseres Erbes wie die Pflanzenlehre und die Poesie. Und in dieser Welt voller Gefahren, Missbrauch und Ungerechtigkeit ist sie noch etwas:

    Sie ist notwendig.

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    Gelesen 472 mal
    Letzte Änderung: 14. Mai 17
    John Beckett

    John Beckett ist Druide im OBOD und seit elf Jahren als Autor, Vortragender, Lehrer und Ritualleiter tätig. Er stammt aus Tennessee und lebt heute in Dallas, USA. Mit seinen Blog-beiträgen auf Patheos.com hat er sich auch in Europa einen guten Ruf erschrieben und seine Meinungen sind somit mehr als einen Blick über den Tellerrand wert.

    Webseite: patheos.com/blogs/johnbeckett/

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